Europäische Medienlandschaft

Nachrichtenagenturen in Europa legen bei der Berichterstattung über EU-Themen in der Regel den Fokus auf den heimischen Markt. Dabei geht es oft um die Frage, welche Konsequenzen Entscheidungen, Vorschläge und Debatten für das jeweilige Land bedeuten. Die Aufmerksamkeit für europäische Themen und die EU ist besonders hoch, wenn das Land, in der die Agentur ihren Hauptsitz hat, sich gerade um die Mitgliedschaft in der EU bewirbt. Die Korrespondentinnen und Korrespondenten berichten hauptsächlich aus nationaler Sicht und arbeiten daher weitestgehend unabhängig voneinander.

Reporterinnen und Reporter in Brüssel sind somit Vermittler zwischen einer europäischen und einer nationalen Öffentlichkeit. In dem gemeinsamen European Newsroom (enr) bekommen die Journalistinnen und Journalisten der Nachrichtenagenturen die Möglichkeit, länderübergreifend miteinander zu arbeiten. Es geht dabei auch um die Frage, wie die EU-Berichterstattung aus und in Europa durch die Zusammenarbeit verbessert werden kann.

 

Europa – vom lebendigen Nachrichten-Kontinent zum Anbieter medialer Vielfalt

Die Relevanz und der Bedarf eines solchen enr werden deutlich, wenn man einen Blick auf die europäische Medienlandschaft und die historische Entwicklung der Nachrichtenagenturen auf dem europäischen Kontinent wirft: Im 20. Jahrhundert galt Europa als der vitalste Kontinent innerhalb des globalen Nachrichten-Ökosystems, mit international operierenden Nachrichtenagenturen wie Reuters, AFP, dpa, EFE und ANSA, einem umfassenden Netzwerk nationaler Nachrichtenagenturen und zahlreichen hochklassigen Tageszeitungen mit internationalem Publikum und hervorragendem Ruf. Europa war in der ersten Hälfte des Jahrhunderts und nochmals nach 1980 der führende Nachrichtenlieferant der Welt.

Diese Darstellung ist heute in mehrfacher Hinsicht überholt. Erstens hat die Technologie neue Arten der Nachrichtenproduktion und -verbreitung geschaffen und so den Konsumenten alternative Zugangswege zu den Nachrichten eröffnet, die sie interessieren. Zweitens sind in den Tätigkeitsfeldern von Nachrichtenagenturen und dem Bereich der Nachrichtenübertragung neue einflussreiche Akteurinnen und Akteure auf den Plan getreten, die insbesondere aus den USA, dem Nahen Osten, Russland und China stammen, etwa Facebook, Google und ByteDance. Drittens haben insbesondere die sozialen Medien die Entwicklung dahingehend beschleunigt, dass jeder nicht mehr nur Empfänger, sondern auch Sender von Nachrichten ist. Die einst exklusive Gatekeeper-Funktion, die den Medien vorbehalten war, hat an Bedeutung verloren.

Die Agenturen konkurrieren heute mit viel mehr Akteuren als im 20. Jahrhundert. Um auf dem aktuellen Markt zu bestehen, sollten sie sich auf ihre Stärken als Nachrichtenagentur besinnen. Ein wichtiges Erfolgsgeheimnis der Agenturen, liegt in ihrer journalistischen Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit: Das Vertrauen des Publikums ist für jede Nachrichtenagentur von hoher Bedeutung. Medien profitieren nur dann von den Dienstleistungen einer Agentur, wenn sie deren Nachrichten veröffentlichen können, ohne die zugrundeliegenden Quellen auf Verlässlichkeit überprüfen zu müssen. Das bestimmende Qualitätsmerkmal ist seit jeher die objektive, verlässliche und faktenbasierte Information.

Nachrichtenagenturen in den Institutionen der EU

Parallel zur Anzahl der Mitgliedstaaten und zum politischen Einfluss der Europäischen Union hat sich auch der Umfang des sogenannten „Brüsseler Pressekorps“ erhöht. Im Jahr 1976, als die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft neun Mitgliedsstaaten hatte, waren lediglich 259 Journalistinnen und Journalisten bei den Europäischen Institutionen akkreditiert. Ihren Höhepunkt erreichte die Anzahl der bei der Europäischen Kommission akkreditierten Journalistinnen und Journalisten im Jahr 2018 mit 1.031. Im September 2020 waren 899 Journalistinnen und Journalisten bei der Europäischen Kommission für das Jahr 2020 akkreditiert.

Es gibt mehrere Gründe dafür, dass die Anzahl an Korrespondentinnen und Korrespondenten zuletzt rückläufig ist. Erstens haben Nachrichtenredaktionen in ganz Europa – und die meisten Korrespondentinnen und Korrespondenten in Brüssel stammen von dort – seit Mitte der 1990er-Jahre ihre Mitarbeiterzahlen aufgrund wirtschaftlicher Krisen und sinkender Umsätze reduziert. Auch die Unterhaltskosten für eine teure Niederlassung im Ausland können finanziell geschwächte Medienorganisationen ziemlich strapazieren. Zweitens geht die Anzahl an Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten zurück, weil die traditionellen Medien sich gezwungen sehen, sich auf die nationale Berichterstattung zu konzentrieren, und so den internationalen Nachrichten zunehmend weniger Zeit widmen. Drittens sind zahlreiche Journalistinnen und Journalisten aus Mittel- und Osteuropa, die nach Brüssel kamen, um über den Beitritt ihres Herkunftslandes zur EU zu berichten, wieder nach Hause zurückgekehrt, nachdem das Land Mitglied geworden war.

Im September 2020 waren 189 der 899 Journalistinnen und Journalisten in Brüssel, also 21 Prozent sämtlicher Medienrepräsentanten vor Ort, für Nachrichtenagenturen tätig. Nachrichtenagenturen aus sechs europäischen Ländern (Vereinigtes Königreich, Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien und Spanien) dominieren ganz offensichtlich dieses Segment, denn jede von ihnen hat mehr als zehn Journalistinnen und Journalisten in Brüssel.

Neben der höheren Anzahl an Journalistinnen und Journalisten allgemein ist auch die Zahl der Medienvertreterinnen und -vertretern aus der westeuropäischen Ländern der EU, die für Nachrichtenagenturen tätig sind (100), mehr als viermal so hoch als aus den osteuropäischen Ländern (21). Aus den Zahlen wird ersichtlich, dass die westlichen Länder in größerem Umfang in die Berichterstattung über die Europäische Union durch Nachrichtenagenturen investieren. Gleichzeitig hat es für viele der osteuropäischen Länder keine Priorität, Reporterinnen und Reporter einzustellen, die das Geschehen in Brüssel verfolgen. Das hat zur Folge, dass den Menschen in diesen Ländern nur ein Minimum an Nachrichtenquellen und Perspektiven über EU-Angelegenheiten zur Verfügung steht.

Auffällig ist, dass sich Journalistinnen und Journalisten aus kleinen, neuen EU-Mitgliedsstaaten manchmal eher auf die offiziellen Informationen verlassen, die sie von ihren eigenen diplomatischen Vertretern erhalten. Sie haben nur eingeschränkt Zugang zu Quellen innerhalb der europäischen Institutionen. Diese kleineren Mitgliedsstaaten verfügen teilweise nicht über die nötigen finanziellen Ressourcen, um ihren Korrespondentinnen und Korrespondenten den Lebensunterhalt und eine Arbeitstätigkeit in vergleichsweise teuren Städten wie Brüssel oder Straßburg zu ermöglichen. Daher sind sie gezwungen, auf freiberufliche Korrespondentinnen und Korrespondenten in Brüssel zurückzugreifen oder ganz auf ein Team vor Ort zu verzichten.

Der enr will diesen Tendenzen etwas entgegensetzen: Über das Kooperationsprojekt eines Newsrooms mit einer gemeinsamen technischen Infrastruktur und einem kollektiven Netzwerk wird die journalistische Power in Brüssel und damit die Vielfalt der europäischen Agenturberichterstattung gestärkt. Kleinere Agenturen, die sich sonst keine eigenen Korrespondentinnen und Korrespondenten in Brüssel leisten können, wird der Zugang zur EU- und Europaberichterstattung erleichtert. Durch ein Nebeneinander der verschiedenen Perspektiven und Sichtweisen auf Europa kann der enr zudem dazu beitragen, dass sich die journalistische Qualität der Berichterstattung erhöht. So können die teilnehmenden Nachrichtenagenturen von diesem gegenseitigen Austausch profitieren.

Quelle: Der Text basiert auf dem Kapitel über die europäischen Nachrichtenagenturen aus der vorbereitenden Machbarkeitsstudie zum enr. vgl. Jääskeläinen, A. (2020): European news agencies. In: dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH (2020): A home for Europe’s agencies. Feasibility study on the establishment of a Joint Newsroom of European News Agencies in Brussels. Hamburg. Hier können Sie die Studie in der deutschen Version und in der englischen Version herunterladen.