Hitze, Dürre und Wasserknappheit könnten die Landwirtschaft in Teilen Europas grundlegend verändern. „Einige Nutzpflanzen werden nicht mehr wachsen, insbesondere im trockensten Teil des Mittelmeerraums und Südeuropas“, sagtedie Exekutivdirektorin der Europäischen Umweltagentur (EEA), Leena Ylä-Mononen, Journalistinnen und Journalisten des European Newsroom (enr), in einem am 1. September veröffentlichten Interview.

Eine intensivere Bewässerung wäre wegen möglicher Wasserknappheit nicht unbedingt eine Lösung. In bestimmten Regionen Europas könnten daher einige derzeit landwirtschaftlich genutzte Flächen in Zukunft nicht mehr für die Landwirtschaft geeignet sein, fügte sie hinzu.

Dieser Sommer habe die Herausforderungen, vor denen Europa stehe, „so deutlich wie nie zuvor veranschaulicht“, sagte sie dem enr. „Schwere Dürren haben die Landwirtschaft, den Verkehr und sogar die Energieinfrastruktur beeinträchtigt. Und wir haben in weiten Teilen Europas intensive Hitzewellen erlebt, die erhebliche Auswirkungen auf die Infrastruktur sowie auf die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen hatten.“ Die Ernten müssten später eingebracht werden und würden geringer ausfallen, „sodass wir in diesem Winter möglicherweise sogar Probleme mit der Ernährungssicherheit bekommen“, warnte Ylä-Mononen.

Die Auswirkungen sind laut Ylä-Mononen über Europas bestehende Trockengebiete hinaus spürbar. Sie verwies auf die Dürre in der Ukraine und Ungarn sowie auf ungewöhnlich trockene Bedingungen im Vereinigten Königreich und in ihrem Heimatland Finnland. Zwar könnte Nordeuropas Klima in Zukunft günstiger für einige zusätzliche Nutzpflanzen werden, doch sei es unwahrscheinlich, dass dies die wiederkehrenden Verluste durch Dürren, Überschwemmungen und extreme Wetterereignisse in anderen Regionen ausgleichen könne, fügte sie hinzu.

Leena Ylä-Mononen, Exekutivdirektorin der in Kopenhagen ansässigen Europäischen Umweltagentur (EEA). Foto: © European Environment Agency (EEA)

Lösungen für die Zukunft

Ylä-Mononen forderte die europäischen Politikerinnen und Politiker auf, über die nächste Wahl hinauszublicken und die bereits absehbaren Klimarisiken des kommenden Jahrzehnts in ihre Planungen einzubeziehen. „Diese Kurzsichtigkeit wird uns nicht helfen“, sagte sie. Entscheidungen über Investitionen in Infrastruktur und Landwirtschaft müssten Zeithorizonte von zehn, 20 und 50 Jahren berücksichtigen.

Die Warnung folgte auch auf einen Bericht der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU über Dürrebedingungen in der Hälfte der EU und im Vereinigten Königreich. In mehreren Teilen Europas führten demnach Flüsse zu wenig Wasser und Bedingungen für Nutzpflanzen hätten sich verschlechtert.

In einer im März veröffentlichten Bewertung – vor den Hitzewellen dieses Sommers – erklärte die EEA: „Derzeit sind Dürre (54 %), Starkregen (21 %), Frost (16 %) und Hagel (9 %) zusammen für 80 % der landwirtschaftlichen Verluste in der EU verantwortlich.“

Ylä-Mononen sagte, Europa könne die Anpassung an den Klimawandel nicht länger als eine optionale politische Maßnahme behandeln, die umgesetzt werde, wenn es die Haushalte erlaubten. Hitze und Dürre beeinträchtigten bereits die Landwirtschaft, die Wasserressourcen sowie die Verkehrs- und Energiesysteme. Einige Schäden hätten durch frühere Investitionen vermieden werden können, sagte sie.

Die EEA-Chefin betonte, dass Anpassungsmaßnahmen jene zur Eindämmung des Klimawandels ergänzen und nicht ersetzen müssten: Europa müsse sowohl die Emissionen reduzieren als auch sich auf die Auswirkungen des Klimawandels vorbereiten, die selbst bei ambitionierten Emissionssenkungen anhalten würden. Die Kosten sowohl des Handelns als auch des Nichtstuns stiegen jedoch von Jahr zu Jahr.

Die von der EEA angeführten Schätzungen der Anpassungskosten in den Bereichen Verkehr, Energie und Landwirtschaft reichen je nach Szenario des Temperaturanstiegs gegenüber dem vorindustriellen Niveau von 53 Milliarden Euro bis 137 Milliarden Euro pro Jahr bis 2050.

Die Europäische Umweltagentur (EEA) ist die EU-Agentur, die unabhängige Umweltdaten, Bewertungen und Analysen bereitstellt, um die politische Entscheidungsfindung in Europa zu unterstützen.