Neben den verheerenden Nachrichten aus dem Süden Europas meldete diese Woche auch der normalerweise kühlere Norden extrem hohe Temperaturen: Die niederländische Küstenprovinz Zeeland erreichte Temperaturen von bis zu 38 Grad Celsius, und westlich davon, brach Großbritannien mit 40 Grad seinen Hitzerekord. Während Belgien die Kapazität von zwei Atomreaktoren reduzierte, rief Deutschland für 10 seiner 16 Bundesländer die höchste Waldbrandwarnstufe aus. Die anhaltend hohen Temperaturen treffen Menschen, Wasserstände und Ernten in vielerlei Hinsicht.
Forschende der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission warnten vorige Woche, dass fast die Hälfte des Gebietes innerhalb der Europäischen Union aktuell von Dürre bedroht sei. Laut ihrem Expertenbericht seien 46 Prozent des EU-Gebiets einer Dürre der Warnstufe zwei ausgesetzt, und für 11 Prozent gelte die höchste von drei Warnstufen. Die Forschenden warnten außerdem davor, dass Wassermangel und starke Hitze Ernteerträge in Frankreich, Rumänien, Spanien, Portugal und Italien sinken ließen.
Nach Angaben des italienischen Bauernverbands Coldiretti hat Italiens Landwirtschaftssektor durch Dürre und Hitze über drei Milliarden Euro Schaden erlitten. Die Ernteerträge seien in einigen Fällen um bis zu 70 Prozent zurückgegangen.
Dürre und niedrige Wasserstände: Der Po-Fluss in Italien und der Rhein trocknen aus
Das heiße und trockene Wetter belastet Italiens und Deutschlands Flüsse. Italiens längster Fluss Po, mit seinem Delta bei Venedig, hat an einigen Stellen seines Laufs den niedrigsten Pegelstand der letzten 70 Jahre erreicht. Am Dienstag [19. Juli] erklärte der Gouverneur der Lombardei, Attilio Fontana, dass die Region aufgrund der schweren Dürre, fast kein Wasser mehr für die Landwirtschaft habe.
Am Dienstag [19. Juli], verkündete die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG), dass die zwei wichtigsten Flüsse und Schifffahrtswege Deutschlands, die Elbe und der Rhein, derzeit niedrigere Wasserstände als üblich haben, sodass einige Schiffe gezwungen seien, ihre Ladung zu verringern, um nicht steckenzubleiben.
In Spanien, so der Bericht der EU-Kommission, liegt das Volumen der Wasserreservoirs derzeit 31 Prozent unter dem Zehnjahresdurchschnitt, während in Portugal die Wassermenge für die Erzeugung von Strom durch Wasserkraft nur die Hälfte des Durchschnitts der vergangenen sieben Jahre beträgt.
Waldbrände wüten in ganz Europa
Trockenheit und hohe Temperaturen führen in vielen Teilen Europas dazu, dass sich Brände schneller ausbreiten. In der vergangenen Woche brachen zahlreiche Waldbrände aus, unter anderem in Kroatien, Frankreich, Griechenland, Italien, Portugal und Spanien.
Waldbrände, weiter angefacht durch starke Winde, haben in Spanien innerhalb von 10 Tagen mindestens 60.000 Hektar zerstört. Gleichzeitig wurden im benachbarten Portugal innerhalb einer Woche etwa 30.000 Hektar vernichtet.
„Der Klimawandel tötet“,
sagte Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez bei einem Besuch in der Gemeinschaft Extremadura.
„Er tötet Menschen, wie wir gesehen haben, aber er tötet auch unser Ökosystem, unsere Artenvielfalt. Und er zerstört auch die wertvollsten Güter unserer Gesellschaft: unsere Häuser, unsere Unternehmen, unsere Viehbestände“, sagte Sánchez.
Die Waldbrände breiteten sich auch an der französischen Atlantikküste in dieser Woche weiter aus und zerstörten bisher 20.600 Hektar. Zu den betroffenen Gebieten gehörten Landiras südöstlich von Bordeaux und Teste-de-Buch, direkt an der Küste im Südwesten. Mehr als 37.000 Menschen wurden evakuiert. Am Mittwoch teilte die Feuerwehr mit, dass die Brände dank besserer Wetterbedingungen unter Kontrolle gebracht, aber noch nicht vollständig eingedämmt worden seien.
In Italien ist Friuli-Venezia Giulia eine der am stärksten betroffenen Regionen. Am Mittwoch brach in der Region Carso ein Großbrand aus, der den Straßen- und Schienenverkehr behinderte und den italienischen Schiffbauer Fincantieri zwang, sein Werk in Monfalcone zu schließen, nachdem die Stadt im Nordosten des Landes in Rauch aufgegangen war.
Waldbrände in verminten Gebieten
In Bosnien und Herzegowina, das noch immer unter den während des Krieges verlegten Landminen leidet, haben Brände das verminte Gebiet um den Boracko-See in Konjic erfasst. Es wurden Hubschrauber der bosnischen Streitkräfte zur Unterstützung angefordert. Währenddessen kämpfen Feuerwehrleute mit dem bosnischen Bergrettungsdienst gegen Feuer im Naturpark Blidinje. Das benachbarte Kroatien unterstützt mit Löschflugzeugen, doch die Windverhältnisse erschweren die Löscharbeiten.
Notfallmaßnahmen: Städte in Alarmbereitschaft
In den Niederlanden reagierte man auf den Anstieg der Temperaturen auf fast 40 Grad mit Streumaschinen, die auf ausgewählten Straßen Salz streuten, um die Oberflächentemperatur zu senken. Laut Behörden entziehe das Salz der Luft Feuchtigkeit und kühle so den Asphalt, der bei den derzeitigen Temperaturen bis zu 50 Grad heiß werden kann.
Die italienische Regierung hat 36 Millionen Euro für fünf Regionen bereitgestellt, für die die Regierung von Mario Draghi wegen der Dürre den Notstand ausgerufen hat: Lombardei, Emilia-Romagna, Piemont, Friaul-Julisch Venetien und Venetien. Am Montag [18. Juli] hat das Gesundheitsministerium des Landes neun Städte in Alarmstufe Rot versetzt. Diese signalisiert: Die Hitze ist so stark, dass sie eine Gefahr für die Bevölkerung darstellt. Darüber hinaus will die Regierung einen Sonderbeauftragten ernennen, der sich mit der Krise und den Problemen der italienischen Wasserinfrastruktur befassen soll.
Aufgrund der Dürre schränken sowohl Rumänien als auch Kroatien den Wasserverbrauch ein. Am Montag haben die kroatischen Behörden auf der Halbinsel Istrien Wasserbeschränkungen erlassen, die die Verwendung von Trinkwasser für die meisten anderen Zwecke verbietet. Auch Rumäniens Umweltminister Barna Tánczos kündigte an, den Wasserverbrauch einzuschränken, um die Trinkwasserversorgung mittel- und langfristig zu sichern.
Rekordtemperaturen in Zukunft wahrscheinlicher
Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) geht davon aus, dass starke Hitzewellen, wie sie derzeit Europa heimsuchen, in den Sommermonaten in Europa zur Regel werden.
„Derartige Hitzewellen werden in den kommenden Jahrzehnten immer häufiger auftreten, und der negative Klimatrend wird sich bis mindestens 2060 fortsetzen, unabhängig von unseren Erfolgen beim Klimaschutz“, sagte WMO-Generalsekretär Petteri Taalas am Dienstag [19. Juli].
Drohende Ernteausfälle
Rumänien – ein wichtiger europäischer Getreideexporteur – warnte, dass es in dieser Saison deutlich weniger Mais und Sonnenblumen liefern könne, da es nach der Dürre vorrangig den heimischen Markt beliefern will, wie Landwirtschaftsminister Petre Daea mitteilte. Das Land hinkt beim Ausbau der Bewässerungssysteme hinter anderen Staaten her und steht vor ernsten Problemen, da der Klimawandel extreme Wetterereignisse häufiger werden lässt. Aufgrund der Wettervorhersagen haben einige Landwirte beschlossen, den Mais früher als üblich geerntet, um so viel wie möglich von den Pflanzen zu retten und sie dann als Futtermittel oder für die Biokraftstoffproduktion zu verwenden. Im Kampf gegen die Probleme will die Regierung die rechtzeitige Bereitstellung von Subventionen und Mitteln aus dem EU-Haushalt und dem Staatshaushalt einbeziehen. Gefördert werden sollen vor allem Investitionen in das Bewässerungssystem, die Unterstützung der Ernte, des Transports, der Lagerung und des Verkaufs landwirtschaftlicher Erzeugnisse sowie Investitionsziele zur Senkung des Energieverbrauchs unter anderem.
Dieser Artikel wird freitags veröffentlicht. Der Inhalt basiert auf Nachrichten der teilnehmenden Agenturen im enr.
