Die Europäische Union hat ihre Solidarität mit Dänemark und mit Grönland bekräftigt. Zugleich sucht sie nach einer wirksamen Antwort auf die erneuten Drohungen von US-Präsident Donald Trump, die arktische Insel zu übernehmen.
„Was Grönland angeht, möchte ich mich klar ausdrücken: Grönland gehört seinem Volk,” sagte der Präsident des Europäischen Rates, António Costa, am Mittwoch angesichts neuer US-Ansprüche auf die größte Insel der Welt. „Ohne Dänemark oder ohne Grönland kann nichts über Dänemark oder Grönland entschieden werden. Sie haben die volle Unterstützung und Solidarität der Europäischen Union.”
Trump besteht darauf, dass die USA „Grönland aus Gründen der nationalen Sicherheit brauchen“, er führt dabei die zunehmende Präsenz chinesischer und russischer Schiffe in der Arktis als Bedrohung an. Er hat wiederholt, dass er den Einsatz von Gewalt zur Eroberung der strategisch wichtigen Insel nicht ausschließe, was zu Entsetzen und Empörung in Dänemark und bei anderen langjährigen europäischen Verbündeten der Vereinigten Staaten führte.
Am Dienstag erklärte das Weiße Haus, Trump „diskutiere Optionen“ zur Übernahme der Kontrolle über Grönland, darunter auch militärische Maßnahmen. Am Mittwoch hieß es, er habe mit seinem Team „aktiv über den Kauf Grönlands diskutiert“.
Dänemark, Grönland und die Europäische Union haben Trumps Ansprüche auf die Insel entschieden zurückgewiesen.
Spitzenpolitiker in der grönländischen Hauptstadt Nuuk und der dänischen Hauptstadt Kopenhagen haben wiederholt erklärt, dass das Gebiet nicht zum Verkauf stehe und dass nur Grönland über seine Zukunft entscheiden werde. Derzeit wird es von einer Koalition regiert, die keine Pläne hat, in naher Zukunft die Unabhängigkeit von Dänemark anzustreben.
Die Insel ist zwar Teil des Königreichs Dänemark, aber weitgehend autonom und kein Mitglied der EU. Sie ist aufgrund ihres Reichtums an Rohstoffen und als Stützpunkt für die militärische Kontrolle der Arktis strategisch interessant.
Trump löste in Europa Alarm aus, nachdem er in Venezuela militärisch interveniert hatte, wo US-Spezialeinheiten am frühen Morgen des 3. Januars Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores festgenommen haben. Laut der französischen Nachrichtenagentur AFP löste die Festnahme auch eine Welle von Falschinformationen im Internet aus.
Bislang gibt es keine Hinweise auf eine militärische Entwicklung wie in Venezuela, und mehrere US-Beamte drängen auf andere Optionen. Aber in Europa wecken die Ereignisse in Caracas Befürchtungen, dass Grönland ein ähnliches Szenario bevorstehen könnte.
Warum Washington Grönland fester im Griff haben will
Grönland steht seit Trumps erster Amtszeit im Fokus des US-Präsidenten. Die Beziehungen zwischen den USA und Grönland reichen Jahrzehnte zurück.
Grönland liegt strategisch günstig auf der kürzesten Flugbahn für Raketen zwischen Russland und den USA. Es ist daher ein wichtiger Bestandteil des US-Raketenabwehrschildes.
Im Jahr 1941, auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs, ermächtigte Dänemark – damals von Nazi-Deutschland besetzt – die USA dazu, auf Grönland, der damaligen Kolonie Dänemarks in der Arktis, für die Dauer des Konflikts Militärstützpunkte zu errichten und zu betreiben, um den amerikanischen Kontinent zu schützen. Der dänische Botschafter in Washington, der von Kopenhagen isoliert war, handelte dabei unabhängig das Abkommen mit den USA zum Schutz Grönlands aus, das geografisch zu Nordamerika gehört.
Bis zum Ende des Krieges unterhielten die USA 15 Militärstützpunkte in Grönland. Heute ist nur noch einer davon übrig, der Luftwaffenstützpunkt Pituffik an der Nordwestküste.
Seit 1951 gibt ein – im Jahr 2004 überarbeitetes – Abkommen zwischen Dänemark und den USA dem US-Militär praktisch freie Hand, auf grönländischem Territorium zu tun, was es will, solange die Vereinigten Staaten Dänemark und Grönland im Voraus informieren.
Trump hat argumentiert, dass Dänemark es versäumt habe, die Sicherheit Grönlands zu gewährleisten, das mit einer Fläche von 2,2 Millionen Quadratkilometern (849.424 Quadratmeilen) etwa ein Fünftel der Größe des gesamten europäischen Kontinents ausmacht.
Im Jahr 2025 hat Kopenhagen seine Investitionen in Grönland verstärkt: Es wurden 1,2 Milliarden Euro für die Sicherheit in der Region bereitgestellt, so die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am Montag.
Einem aktuellen Bericht des dänischen Militärgeheimdienstes zufolge wetteifern Russland, China und die USA darum, eine „größere Rolle” in der Arktis zu spielen. Grönland verfügt über unerschlossene Vorkommen von Seltenen Erden und könnte eine wichtige Rolle spielen, wenn das Schmelzen des Polareises – eine Folge des Klimawandels – neue Schifffahrtsrouten eröffnet.
Grönland, das in der westlichen Hemisphäre liegt, ist so groß wie der größte US-Bundesstaat Alaska, hat aber nur 57.000 Einwohner. Im Falle seiner Integration würden die USA China überholen und nach Russland und Kanada die drittgrößte Landmasse auf der Welt besitzen.
Vor einem Jahr sprachen sich jedoch 85 Prozent der Grönländer laut einer in der dänischen und grönländischen Presse veröffentlichten Umfrage gegen einen Beitritt zu den USA aus.

Europa befürchtet Zerfall der NATO
Vertreterinnen und Vertreter von sechs EU-Ländern und des Vereinigten Königreichs erklärten am Dienstag gemeinsam, dass Grönland seinem Volk gehöre und nur Dänemark und Grönland über Angelegenheiten entscheiden könnten, die ihre Beziehungen betreffen.
Die Staats- und Regierungschefinnen und -chefs von Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Spanien, Dänemark und dem Vereinigten Königreich erklärten, dass die Sicherheit in der Arktis kollektiv und in Zusammenarbeit mit den Partnern im NATO-Militärbündnis, einschließlich der Vereinigten Staaten, gewährleistet werden müsse.
Die dänische Ministerpräsidentin Frederiksen warnte, dass ein militärisches Vorgehen der USA gegen Grönland oder ein anderes NATO-Mitglied das Bündnis zerstören und „alles“ beenden würde, einschließlich der NATO und der Sicherheitsstruktur nach dem Zweiten Weltkrieg.
Dänemark ist Gründungsmitglied der NATO und seit jeher ein treuer Verbündeter der USA, was sich unter anderem in der umstrittenen Entsendung von Truppen zur Unterstützung der US-Invasion im Irak im Jahr 2003 gezeigt hat.
Der französische Präsident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Keir Starmer versuchten beide, den Streit herunterzuspielen, als sie jetzt zusammen mit Trumps Sondergesandtem Steve Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner an den Friedensgesprächen zur Ukraine in Paris teilnahmen. „Ich kann mir kein Szenario vorstellen, in dem die Vereinigten Staaten von Amerika in eine Lage geraten könnten, in der sie die dänische Souveränität verletzen,“ sagte Macron.
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul forderte Washington auf, das Völkerrecht zu respektieren, und erklärte, dass die in der UN-Charta verankerten Grundsätze der Souveränität, der territorialen Integrität und der Unverletzlichkeit der Grenzen gewahrt bleiben müssen. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez sagte: „Spanien wird sich stets aktiv für die Vereinten Nationen engagieren und sich voll und ganz mit Dänemark und dem grönländischen Volk solidarisieren.“ Und der polnische Ministerpräsident Donald Tusk erklärte, dass kein NATO-Mitglied ein anderes Mitglied des Bündnisses angreifen oder bedrohen dürfe. „Andernfalls würde die NATO ihre Bedeutung verlieren, wenn es innerhalb des Bündnisses zu Konflikten oder gegenseitigen aggressiven Schritten käme“, sagte Tusk in Paris.
Im Gegensatz zu früheren US-Präsidenten hat Trump die NATO kritisiert und sieht sie nicht als Instrument der Macht der USA, sondern als eine Organisation, in der kleinere Länder von den Militärausgaben der USA profitieren. „Wir werden immer für die NATO da sein, auch wenn sie nicht für uns da sein wird,“ schrieb Trump am Mittwoch auf seiner Plattform Truth Social.
Gespräche zwischen Dänemark und den USA stehen bevor
Auch andere europäische Länder haben zu diesem Thema Stellung bezogen.
Die portugiesische Regierung stimmt mit der EU völlig darin überein, Trumps Äußerungen zu Grönland zurückzuweisen, und bekräftigte, dass die arktische Insel „ihrem Volk gehört“.
Der slowenische Ministerpräsident Robert Golob hat seine Unterstützung für die Erklärung der sieben Länder (Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Spanien, Dänemark und Vereinigtes Königreich) zum Ausdruck gebracht: „Die Sicherheit der Arktis kann durch die gemeinsamen Anstrengungen aller Verbündeten, einschließlich der USA, und vor allem durch die konsequente Achtung der Grundsätze des Völkerrechts und der UN-Charta, wie territoriale Integrität, Souveränität und Unverletzlichkeit der Grenzen, gewährleistet werden,“ sagte er.
Der kroatische Ministerpräsident Andrej Plenković erklärte gegenüber Reportern, dass er eine „amerikanische Intervention in Grönland“ für nicht angebracht halte und fügte hinzu, dass niemand innerhalb der Europäischen Union eine solche Situation begrüßen oder gutheißen würde. „Wir glauben, dass dies nicht geschehen wird,“ sagte er.
Andere reagierten zurückhaltend in Erwartung direkter Gespräche zwischen Dänemark, Grönland und den USA.
Der tschechische Ministerpräsident Andrej Babiš sagte: „Ich weiß nicht, ob diese Erklärungen etwas bringen werden oder nicht.“ Er fügte hinzu: „Wir haben schon genug Konflikte, ohne uns mit diesem Thema unter Verbündeten befassen zu müssen.“ Die Tschechische Republik sei überzeugt, dass es Raum für eine Lösung des Problems durch einen Dialog zwischen Dänemark und den USA gebe, erklärte Außenminister Petr Macinka am Mittwoch.
US-Außenminister Marco Rubio sagte am Mittwoch, dass er kommende Woche Vertreterinnen und Vertreter Dänemarks treffen wolle, um die Interessen der USA in Grönland zu erörtern.
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