Alles begann Ende Januar in Kroatien: In den vergangenen Wochen gab es in dem Land eine Reihe von Supermarktboykotten, durch die die Bürgerinnen und Bürger ihren Unmut über die steigenden Preise zum Ausdruck brachten. Der Frust über hohe Lebenshaltungskosten wird auch von Konsumentinnen und Konsumenten in anderen EU-Mitgliedstaaten und Beitrittskandidaten geteilt.
Eine Facebook-Gruppe namens „Halo, Inspektore“ („Hallo, Inspektor“ auf Kroatisch) hatte den Einkaufsboykott ins Leben gerufen. Mit der Zeit erhielt die Bewegung Unterstützung von Verbraucherschützern, Gewerkschaften, politischen Parteien und dem Wirtschaftsminister.
„Heute boykottieren wir erneut alles, von Supermärkten über Apotheken, Bäckereien, Cafés bis hin zu Restaurants. Wir werden keine Geschäfte betreten und keine Dienstleistungen in Anspruch nehmen.”
Josip Kelemen von “Halo, Inspektore”
Kelemen sprach im Vorfeld der dritten Boykott-Runde in Kroatien am 7. Februar. Die Initiative begann mit Posts in sozialen Medien, die die Bürgerinnen und Bürger dazu animierten, nichts zu kaufen. Die Organisatorinnen und Organisatoren riefen zunächst zum Boykott großer internationaler Unternehmen wie der deutschen Kette Lidl oder dem italienischen Discounter Eurospin auf, später folgte ein einwöchiger Boykott der kroatischen Einzelhandelskette Konzum, der am 14. Februar endet.
Leere Einkaufskörbe
Das Problem ist ein doppeltes: Einerseits machen es die hohen Preise vielen Verbraucherinnen und Verbraucher schwer, über die Runden zu kommen, andererseits sagen lokale Erzeuger, dass sie mit den großen Ketten nicht konkurrieren können, weil die Importe billiger sind und die ihnen gezahlten Preise die Produktionskosten nicht decken.
Ökonominnen und Ökonomen erklären die neue Welle des Preisanstiegs in Kroatien mit dem starken Wachstum des privaten Verbrauchs und der gesamten Inlandsnachfrage, während das Wachstum auf der Angebotsseite begrenzt ist. Ein großer Teil der Nachfrage wird vom Staat generiert, insbesondere durch den Zufluss europäischer Mittel, Kohäsionsfonds und Geldern für die Erholung von der Pandemie.
Die Lebenshaltungskosten steigen in der gesamten EU, da die Löhne und Gehälter nicht mit den steigenden Lebensmittelpreisen und anderen Teuerungen Schritt halten. Im Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) von Eurostat lag der EU-Durchschnitt der Lebensmittelpreise im Dezember 2024 bei 145,2 Punkten, ausgehend von einem Basiswert von 100 im Jahr 2015. In Kroatien lagen die Lebensmittelpreise mit 148,7 Punkten über dem EU-Durchschnitt, in Rumänien bei 166,2 Punkten und in Bulgarien sogar bei 174,4 Punkten.
Im Euroraum lag die jährliche Inflationsrate im Januar nach Schätzungen von Eurostat bei 2,5 Prozent. Die Inflationsrate für Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak lag bei 2,3 Prozent. In den beiden westlichen Balkanländern, die den Euro eingeführt haben – Slowenien und Kroatien – lag die Inflationsrate bei 2,3 Prozent bzw. 5 Prozent. Kroatiens ist die höchste Inflationsrate in der Eurozone.
Ausbreitung des Boykotts
Auch die Verbraucherinnen und Verbraucher in den EU-Kandidatenländern Bosnien und Herzegowina, Serbien, Nordmazedonien und Montenegro sind auf den Boykott aufgesprungen.
Die Menschen in Bosnien und Herzegowina (BiH) spüren zunehmend den Druck steigender Preise – der Lebensstandard sinkt, da die Löhne nicht mit den wachsenden Lebenshaltungskosten Schritt halten. Um diesen Trend umzukehren, rief die Gruppe „Bojkot u BiH“ am 7. und 8. Februar in den sozialen Medien zum Boykott der großen Einzelhandelsketten auf. An beiden Tagen gingen deren Umsätze zurück.

Am 31. Januar und am 7. Februar waren die Supermärkte in Nordmazedonien halb leer, die Menschen kauften auf Wochenmärkten und in lokalen Geschäften ein oder gingen gar nicht erst einkaufen. Die Bürgerinnen und Bürger unterstützen die Kampagne, zweifeln aber, ob ein eintägiger Boykott die Probleme lösen kann. Die Preise steigen, während die Löhne stagnieren. Im Vorfeld des Boykotts kündigten einige Einzelhändler Rabatte und Vergünstigungen an und machten die Lieferanten für die steigenden Preise verantwortlich.
Die serbische Verbraucherorganisation „Efektiva“ rief Konsumentinnen und Konsumenten zu einem eintägigen Boykott von Einzelhandelsketten am 31. Januar auf. Sie erinnerte daran, dass die serbische Wettbewerbsbehörde im vergangenen Oktober ein Verfahren gegen vier Einzelhandelsketten wegen des Verdachts auf Preisabsprachen eingeleitet hatte. Ein neuer Boykott unter dem Motto „Willst du ausgeraubt werden oder nicht?“ begann am 10. Februar und richtet sich fünf Tage lang gegen fünf große Einzelhandelsketten – Delhaize, Mercator, Univexport, DIS und Lidl.
Im benachbarten Montenegro fanden bereits am 31. Januar sowie am 7. und 8. Februar Boykotte statt. „Jeden Tag erleben wir beispiellose Preiserhöhungen bei Grundnahrungsmitteln, während die Eigentümer der großen Handelsketten auf Kosten der Menschen Gewinne anhäufen. Es ist Zeit zu sagen: Genug!“ so die Organisation “Alternative Montenegro” in den sozialen Netzwerken.
Die Aktion wurde von Ministerpräsident Milojko Spajić, einigen NGOs und Gewerkschaften unterstützt, während sie von der Handelskammer und dem montenegrinischen Verbraucherverband abgelehnt wurde.
Auch in Bulgarien hat sich die Idee verbreitet. Vier Organisationen riefen für den 13. Februar zu einem Boykott von Einzelhändlern und Lebensmittelgeschäften auf, so Velizar Enchev, Koordinator der Initiative und ehemaliger bulgarischer Botschafter in Kroatien.
Albanien und Slowenien sind von Boykotten bisher nicht betroffen, während die Verbraucherinnen und Verbraucher in Rumänien noch unentschlossen sind.
- In Albanien gab es bisher keinen Supermarkt-Boykott, trotz sporadischer Aufrufe in sozialen Netzwerken. Die Regierung erhöhte im vergangenen Jahr die Gehälter der öffentlichen Bediensteten und Renten und senkte dieses Jahr die Strompreise. Die Gehalts- und Rentenerhöhungen gingen nicht mit einem deutlichen Anstieg der Preise in den Supermärkten einher.
- Es gab auch keinen organisierten Boykott von Geschäften in Slowenien, obwohl die hohen Lebensmittelpreise in der öffentlichen Debatte ein wichtiges Thema sind. Nach Angaben der slowenischen Statistikbehörde stabilisierten sich die Preise für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke im Jahr 2024 nach einer Phase des rasanten Anstiegs. Die Einkaufszentren in den slowenischen Städten entlang der kroatischen Grenze verzeichneten jedoch während des kroatischen Boykotts einen starken Anstieg der Besucherzahlen. Käuferinnen und Käufer aus Kroatien sagen, dass Lebensmittel und Reinigungsmittel in Slowenien viel billiger sind. Slowenische Konsumentinnen und Konsumenten hingegen fahren wieder häufiger ins benachbarte Italien, um dort billiger einzukaufen.
- Einige Politikerinnen und Politiker haben die Bevölkerung Rumäniens aufgefordert, die Supermärkte einen Tag lang zu boykottieren, weil sie keine rumänischen Produkte verkaufen. Stattdessen sagte Landwirtschaftsminister Florin Barbu, er glaube, ein solcher Boykott würde den „Bankrott der rumänischen Verarbeiter“ bedeuten. Ihm zufolge werden 70 Prozent der Produkte in Rumäniens Einzelhandelsgeschäften von rumänischen Lebensmittelverarbeitungsunternehmen hergestellt.
Preisdeckel als Reaktion
Ob die Boykotte langfristig mehr bewirken, als ein Bewusstsein zu schaffen, bleibt abzuwarten. Eine Reaktion war jedoch der Ruf nach Preisdeckeln durch die Politik
Die Regierung von Bosnien und Herzegowina versprach, die Preise für 50 Produkte einzufrieren, während die Regierung der Entität Republika Srpska verstärkte Kontrollen und strengere Strafen für Einzelhändlerinnen und -händler angekündigte, die Preise ungerechtfertigt erhöhen.
In Bulgarien hat das Mitte-Links-Bündnis BSP – Vereinigte Linke einen Gesetzentwurf zur Festlegung einer Obergrenze für Preiserhöhungen bei Grundnahrungsmitteln vorgelegt, so die Abgeordnete Nina Dimitrova. Auch die Partei MRF – New Beginning hat einen ähnlichen Gesetzentwurf eingebracht. Die beiden Gruppen sind besorgt, dass sich Hunderttausende von Bürgerinnen und Bürgern aufgrund der hohen Inflation die meisten Grundnahrungsmittel nicht leisten können. Der bulgarische Handelsverband AMT hingegen machte solche Preisobergrenzen für einen Anstieg der Inflation verantwortlich.
Die kroatische Regierung reagierte auf die Boykotte, indem sie die Liste der Produkte, für die Preisobergrenzen gelten, um 40 neue Erzeugnisse erweiterte, darunter Mehl, Milch, Fleisch, Brot, Backwaren, Säfte und Hygieneartikel.
Viel Lärm um nichts?

Nach Angaben der nordmazedonischen Finanzbehörden sank der Umsatz in den acht größten Handelsketten am 31. Januar um 46,59 Prozent im Vergleich zum selben Tag in der Vorwoche. Allerdings zeigen die Daten auch, dass der Umsatz am Tag nach dem Boykott um 11,2 Prozent höher war.
Ministerpräsident Hristijan Mickoski zeigte Verständnis für die Boykotte und rief zum Dialog mit Herstellern, Händlerinnen und Händlern, Einzelhandelsketten und Verbraucherinnen und Verbrauchern auf, um eine Eskalation der Situation zu vermeiden. Ihm zufolge griffen einige Hersteller, Lieferanten und Einzelhändler zu Tricks, um die Produktpreise zu erhöhen, und rechtfertigten dies mit höheren Börsenpreisen. „Wir wissen, dass dies nicht der Fall ist,” so Mickoski.
Der Minister für Wirtschaft und Arbeit, Besar Durmishi, sagte, es sei das Recht der Verbraucherinnen und Verbraucher zu entscheiden, wie und wo sie ihr Geld ausgeben wollen.
„Ich habe Verständnis dafür, weil bestimmte Unternehmen auf Kosten der Bürger enorme Gewinne erzielen wollen.“
Nordmazedoniens Arbeitsminister Besar Durmishi
Daten der montenegrinischen Steuerbehörde zeigten, dass der Boykott am 31. Januar erfolgreich war. Die fünf größten Einzelhandelsketten verzeichneten einen Umsatzrückgang von 56,14 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum der Vorwoche. Aus den Daten ging jedoch auch hervor, dass diese fünf Ketten am Tag vor und am Tag nach dem Boykott im Vergleich zu denselben Tagen der Vorwoche einen Umsatzanstieg von insgesamt 1,1 Millionen Euro erzielten.
Auch in Serbien gab die Steuerbehörde an, dass der Gesamtumsatz der fünf vom Boykott betroffenen Einzelhändler am 31. Januar um etwa ein Drittel niedriger war als am Vortag.
In Kroatien – wo alles begann – führte der erste landesweite Boykott am 24. Januar zu einem 44-prozentigen Rückgang der Transaktionen und einem 53-prozentigen Umsatzrückgang. Ein zweiter Boykott am 31. Januar brachte einen geringeren Umsatzrückgang mit sich, und am dritten sogenannten „Buy Nothing Friday“ am 7. Februar war der Rückgang nochmals geringer.
Es bleibt fraglich, inwieweit der Boykott zur Verlangsamung der Inflation beitragen kann. In jedem Fall sind die Menschen sehr wütend, wenn sie sehen, dass bestimmte Produkte in Kroatien, das 2023 den Euro eingeführt hat, teurer sind als in einigen wirtschaftlich weiterentwickelten EU-Mitgliedstaaten.
Dieser Artikel wird zweimal pro Woche veröffentlicht. Der Inhalt basiert auf den Nachrichten der am European Newsroom beteiligten Agenturen.
