Besorgte europäische Autohersteller treffen sich diese Woche in Brüssel zu Gesprächen mit der Europäischen Union, die einen Kompromiss zwischen ihren ehrgeizigen Klima- und Umweltzielen und den Hilferufen aus dieser wichtigen, aber angeschlagenen Branche finden muss.
Im Mittelpunkt der Krise stehen EU-Pläne, die CO2-Emissionsgrenzwerte für die europäischen Automobilhersteller zu verschärfen. Den Herstellern drohen Geldstrafen, wenn sie ihre Reduktionsziele für 2025 nicht erreichen – sehr zum Unmut der Branche, die auch so mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.
Die europäischen Hersteller haben Mühe, den Absatz von Elektrofahrzeugen anzukurbeln, und kämpfen gegen starke Konkurrenz aus China. Das Land gilt als globaler Pionier in diesem Feld und und verkaufte 2024 insgesamt etwa 11 Millionen Fahrzeuge, 40 Prozent mehr als im Jahr zuvor.
Im Oktober verhängte die EU Zölle von bis zu 35 Prozent auf in China hergestellte Elektroautos, nachdem eine Untersuchung zu Subventionen ergeben hatte, dass Pekings staatliche Unterstützung die europäischen Autohersteller in unfairer Weise benachteiligte. Seitdem befinden sich Brüssel und Peking in einem Handelskonflikt.
Angesichts dieser Krise versprach die Europäische Kommission, den Automobilsektor zu unterstützen. Die Autoindustrie beschäftigt 13 Millionen Menschen in der EU und macht etwa 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der EU aus.
Stéphane Séjourné, der französische EU-Kommissar für Wohlstand und Industriestrategie, versprach auf einem Automobilgipfel in Stuttgart Mitte Januar einen Plan zur „Rettung des Sektors“ und zur „Ankurbelung der europäischen Nachfrage nach sauberen Autos“.
Deutschland: Größte Autoindustrie der EU in Not
Nach den jüngsten Zahlen des Verbands der Europäischen Automobilhersteller (ACEA) sank der Anteil der neu zugelassenen batterieelektrischen Fahrzeuge in der EU im Jahr 2024 insgesamt auf 13,6 Prozent, ein Prozentpunkt weniger als 2023.
Im Dezember waren die Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen laut ACEA-Zahlen um 10,2 Prozent gesunken – ein EU-weiter Absturz, verursacht durch einen Einbruch der Zulassungen in Deutschland (-38,6 Prozent) und Frankreich (-20,7 Prozent) verursacht.
ACEA-Angaben zufolge stiegen Autoverkäufe in der EU 2024 insgesamt – also von Elektroautos und Verbrennern – leicht um 0,8 Prozent. Spanien lag mit einer Wachstumsrate von 7,1 Prozent an der Spitze, während in Frankreich (-3,2 Prozent), Deutschland (-1 Prozent) und Italien (0,5 Prozent) Rückgänge zu verzeichnen waren.

Deutschland, die größte EU-Volkswirtschaft und Heimat einer bedeutenden Automobilindustrie mit Unternehmen wie dem Volkswagen-Konzern (VW) und BMW, kämpft mit schwachen Verkaufszahlen sowie den hohen Kosten für die Umstellung auf elektrische Antriebe.
Die Forderung der EU, die Emissionen drastisch zu senken, verschärft die Krise. Medienberichten von letzter Woche zufolge rechnet der Autohersteller Volkswagen in diesem Jahr mit Strafzahlungen von rund 1,5 Milliarden Euro wegen der Nichteinhaltung der EU-Emissionsziele.
Der deutsche Automobilriese plant, mehr Elektrofahrzeuge als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor zu verkaufen, um die neuen Emissionsvorschriften zu erfüllen, was sich auf negativ seine Einnahmen auswirken könnte, hieß es weiter.
Führende Vertreter der deutschen Automobilindustrie fordern die nächste Regierung auf, Steuern und Bürokratie für die Branche zu senken und Maßnahmen zur Senkung der Energiepreise zu ergreifen. In Deutschland wird am 23. Februar gewählt.
„2025 muss ein Jahr des Neustarts sein, um das Jahr der Trendwende zu werden. Keine kleinen Schritte, sondern der große Wurf ist notwendig.“
Hildegard Müller, Präsidentin des deutschen Verbandes der Automobilindustrie (VDA)
Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich in einem Zeitungsinterview in der vergangenen Woche für eine direkte Förderung von in Deutschland hergestellten Elektroautos ausgesprochen. Er nannte dies einen Weg, um die Industrie anzukurbeln, die sich mit der Umstellung von Verbrennungsmotoren schwer tut.
Manuel Kallweit, Chefvolkswirt des VDA, sagte, dass allein der Absatz von batteriebetriebenen Fahrzeugen im Vergleich zum Vorjahr um rund 75 Prozent steigen müsste, damit die deutschen Autobauer die Vorgaben erfüllen könnten. Das entspräche einem Absatz von zusätzlich rund 666.000 reinen Elektrofahrzeugen.
Verkleinerung und Stellenabbau
Infolge der Schwäche der europäischen Autoindustrie häuften sich in den letzten Monaten auch in Europa die Ankündigungen von Stellenstreichungen.
Ein wichtiges Beispiel ist das Audi-Werk – Teil des Volkswagen-Konzerns – in Brüssel. Das Werk, das sich auf die Produktion von hochwertigen Elektroautos spezialisiert hat, wird Ende Februar geschlossen, nach Angaben des Managements aufgrund von im Vergleich zu anderen Werken hohen Produktionskosten in Belgien.
Nach der Schließung von Audi in Brüssel wird das Volvo-Werk in der Nähe von Gent die einzige Autofabrik im Land sein. Das Werk bereitet sich auf den Bau des EX30 vor, eines kleinen Elektromodells, das derzeit nur in China hergestellt wird. Zur Zeit fallen für den Import in die EU hohe Zölle an.
In Slowenien, wo der Anteil der Automobilindustrie am BIP rund 10 Prozent beträgt, setzen die Unternehmen, die mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, ebenfalls den Sparstift an. Sie sind entweder direkt als Teil der Lieferketten der Automobilhersteller betroffen oder indirekt durch die Verlagerung der Komponentenproduktion in Länder mit niedrigeren Kosten.
Ähnlich wirken sich die Schwierigkeiten im Ausland auch auf die bulgarische Autoteileindustrie aus.
Nach Angaben des bulgarischen Statistikamtes vom Juli 2024 ging die Industrieproduktion in Bulgarien im Vergleich zum Vorjahr um 2,5 Prozent zurück. Der stärkste Rückgang war bei der Automobilproduktion zu verzeichnen, die um mehr als 40 Prozent sank, da die Aufträge an bulgarische Teilehersteller aufgrund der Probleme in der Automobilindustrie in Ländern wie Deutschland stark zurückgingen.
Trumps Zölle stehen vor der Tür
Der Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump bereitet den Autoherstellern zudem schlaflose Nächte. Trump hatte wichtigen Handelspartnern höhere Einfuhrzölle angedroht – was eine Explosion der Zölle auf europäische Autos befürchten lässt.
Deutschland befürchtet, dass seine protektionistische Politik theoretisch das deutsche BIP um 1 Prozent senken und 300.000 Arbeitsplätze vernichten könnte.
Wenige Tage vor Trumps Amtsantritt am 20. Januar haben europäische Automobilhersteller die EU aufgefordert, einen „Handelskonflikt“ mit den Vereinigten Staaten zu vermeiden.
Bereits Ende letzten Jahres hatten die Tschechische Republik und Italien die EU aufgefordert, die Geldbußen zu lockern, die 2025 gegen Autohersteller verhängt werden sollen, die keinen ausreichenden Anteil an Elektroautos verkaufen.
„Die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Automobilindustrie muss ein zentrales Anliegen der EU-Politik bleiben“, heißt es in einem gemeinsamen zweiseitigen Papier. Österreich, Bulgarien, Polen, Rumänien und die Slowakei unterstützen diesen Appell.
Nach Ansicht des tschechischen Industrie- und Handelsministers Lukáš Vlček ist es nicht der richtige Weg, den Autoherstellern das Geld aus der Tasche zu ziehen, indem man sie bestraft, weil sie nicht genug Elektroautos verkaufen.
Angesichts der „Dringlichkeit und des Ernstes der Lage“ wird die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, am Donnerstag den strategischen Dialog eröffnen, der sich voraussichtlich über mehrere Monate erstrecken wird.
Es wird erwartet, dass die Kommission im Februar auch erste Maßnahmen zur Unterstützung des Kaufs von Elektroautos für Firmenflotten oder zur Sicherung der Lieferketten für Rohstoffe ankündigen wird.
FAKTENCHECK
Elektroautos fahren vor allem mit Strom aus Sonne und Wind
Während die europäische Autoindustrie darum kämpft, die Forderung der EU nach einer drastischen Senkung der Treibhausgasemissionen zu erfüllen, wird durch Desinformation über die tatsächliche Klimafreundlichkeit von Elektroautos zusätzliches Öl ins Feuer gegossen. Ein Bild, das im Juni in den sozialen Medien kursierte, suggerierte, der Strom für Elektroautos stamme aus Kohlekraftwerken und sei daher alles andere als klimafreundlich.
Das Faktencheck-Team der Deutschen Presse-Agentur dpa zeigt jedoch, dass in Deutschland der Großteil des Stroms zum Laden von Elektroautos aus erneuerbaren Energien stammt. Außerdem zeigen die Daten, dass die Kohlekraft eine immer geringere Rolle im deutschen Energiemix spielt.
Lesen Sie den vollständigen Faktencheck hier: https://dpa-factchecking.com/germany/240612-99-368321/
Dieser Artikel wird zweimal pro Woche veröffentlicht. Der Inhalt basiert auf den Nachrichten der am European Newsroom beteiligten Agenturen.
